Alles hängt mit allem zusammen

Alexandra Kurland ist nicht mehr da.

Ich habe diesen Satz jetzt mehrmals geschrieben, und noch immer will er nicht wahr werden. Vielen von euch geht es diese Woche wohl genauso: Man setzt zu etwas an, hält wieder inne, und weiß einfach nicht, wohin mit alldem.

Für die Sätze, die Alex sagte, hatten wir einen eigenen Namen: AlexismsDer, den ich am längsten in mir trage, steht ganz oben über diesem Text. Sie meinte ihn zunächst ganz konkret, aufs Pferd bezogen — dass man keinen Fuß bewegen kann, ohne anderswo etwas auszulösen, dass in der Ausbildung nichts je für sich allein steht. Aber je länger ich darüber nachdenke, desto mehr ist er das Wahrste, was je jemand über Alex selbst gesagt hat. Und er ist der einzige Weg, den ich finde, um über sie zu schreiben.

Wie sie die meisten von uns gefunden hat

Bei mir begann alles mit einer gebrochenen Schulter und einem Monat, in dem ich kaum etwas tun konnte außer lesen.

Danach ging ich zum Stall, ohne mir viel davon zu erhoffen. Ein paar Wochen später hatte ich ein anderes Pferd. Es begrüßte mich mit leisem Wiehern, wenn es mich kommen sah. Es kam mir ans Tor entgegen, statt in die hinterste Ecke der Koppel zu ziehen. Es bot von sich aus Dinge an und schaute mich dabei an, gespannt, was als Nächstes käme. Meine Stallbesitzerin fragte mich, was ich bloß mit ihm gemacht hätte.

Was ich gemacht hatte, war: aufhören, ihn zu etwas zu zwingen. Alex hatte mir beigebracht — durch ein Buch, vom anderen Ende der Welt —, stattdessen zu fragen und dann auf die Antwort zu warten. Ich dachte, ich lernte eine Trainingsmethode.

Ich weiß, wie gewöhnlich diese Geschichte ist. Fast jede und jeder von uns hat seine eigene Version davon — und genau darin liegt der Punkt. So hat sie unzählige Menschen erreicht, die meisten lange, bevor sie ihr überhaupt begegnet sind.

Wie ich Alex kennenlernte

Ich lernte Alex kennen, als sie zum ersten Mal nach Italien kam, bei einem Kurs, den meine Freundin Miriam organisiert hatte. Miriam war lange vor mir zum Clickertraining gekommen und hat mir meine ersten Schritte beigebracht — ihr verdanke ich den Anfang von all dem. Sie holte Alex zu uns, und so begegnete Alex meinem Pferd Asfaloth.

Asfaloth und Alex, 2011

Das ganze Wochenende über übersetzte Miriam, Stunde um Stunde, vom Englischen ins Italienische. Alex musste immer wieder lachen, wie lang das Italienische geriet — ein kurzer Satz von ihr, und daraus wurde eine ganze Abhandlung. Nur eines konnte Miriam beim besten Willen nicht übersetzen: die Grown-Ups Are Talking, Please Don't Interrupt-Lektion. Dieses Konzept gibt es im Italienischen schlicht nicht — worüber wir dann ausführlich ins Gespräch kamen.

Danach fuhren Miriam und ich überall dorthin, wo Alex auf unsere Seite des Ozeans kam. Frankreich, Deutschland, Belgien, Großbritannien, Irland — wenn es irgendwo in Europa einen Kurs gab, fanden wir zwei einen Weg dorthin. Diese Fahrten gehören zu meinen schönsten Erinnerungen, und ich weiß: Viele von euch haben genauso weite Wege auf sich genommen.

Kurse, die einen ganz und gar einnahmen

Wenn ihr nie bei einem Kurs mit Alex wart, dann ist das der Teil, der sich am schwersten in Worte fassen lässt.

Alex übernachtete nicht im Hotel. Sie wohnte im Haus. Wir schafften es jedes Mal, ihr das Bett zu geben — dabei hätte sie sich ohne Weiteres mit der Couch begnügt.

Es gab also gemeinsames Frühstück, Mittagessen, Abendessen, und danach ging das Reden noch viel zu lange weiter. Die Hälfte von dem, was ich von Alex gelernt habe, habe ich nach zehn Uhr abends gelernt, am Küchentisch, längst nachdem der offizielle Tag vorbei war. Oft löste sich beim Abendessen der Knoten, an dem man den ganzen Nachmittag gehangen hatte.

Wer zum ersten Mal dabei war, war jedes Mal überrascht. Man rechnete mit neun bis fünf und fand sich in etwas wieder, das keinen Ausschalter kannte.

Und überrascht war man noch von etwas anderem. In einer Pferdewelt, in der so oft Menschen am Rand stehen und beurteilen, wer da gerade Unterricht nimmt, zog Alex bemerkenswert freundliche Menschen an. Alle trugen einander mit. Als Stammgast nimmt man das irgendwann gar nicht mehr wahr; wer neu dazukommt, staunt darüber. Und auch das war kein Zufall. Wer sein Leben lang lehrt, dass ein Pferd Nein sagen darf, schafft am Ende auch Räume, in denen die Menschen sicher sind.

Meistens redeten wir über Pferde. Aber eben auch über Politik, über das Leben, darüber, wie man ein anständiger Mensch bleibt in dieser Welt. Alles hing mit allem zusammen.

Sie zu Anja bringen

Ich wollte, dass Alex Anja Beran kennenlernt.

Daraus wurde ein stilles Herzensprojekt, das sich über Jahre zog. Als ich anfing, Kurse in Deutschland zu organisieren, legte ich den ersten ganz bewusst in Anjas Nähe — damit wir vorher hinfahren und ihr bei der Arbeit zusehen konnten. Keine Vorführung, einfach ein ganz normaler Trainingstag. Alex war hingerissen von dem, was sie sah, und sagte gleich, sie wolle wiederkommen.

Also bauten wir die nächste Veranstaltung rund um Anjas Workshop, und Anja war so großzügig, uns ihre Bibliothek zu überlassen, sodass Alex' Workshop dort stattfinden konnte. Als Alex später wieder nach Italien kam, um meine Pferde wiederzusehen, fuhren wir im Anschluss mit der ganzen Gruppe hinauf zu Anja.

Von diesen Besuchen nahm Alex Folgen ihres Equiosity-Podcasts auf.
Natürlich tat sie das.

Science camp

2019 stießen Jesús Rosales-Ruiz und Mary Hunter zu Alex dazu, und wir richteten in Italien ein Science Camp aus.

Es war ein echtes Camp. Unsere Referenten schliefen in Zelten, wie alle anderen auch. Am Feuer zogen sich die Gespräche bis tief in die Nacht — diese Mischung aus Verhaltensanalyse und Pferden und allem, was sonst noch aufkam, mit Alex mittendrin, die noch Fragen stellte, als den anderen die Fragen längst ausgegangen waren.

Die Lehrerin, die wir verloren haben

Sie machte das seit dreißig Jahren und hatte wirklich alles gesehen — und trotzdem gab sie sich nie mit der naheliegenden ersten Antwort zufrieden. Was das Problem auch war, sie ging darunter, und dann noch eine Schicht tiefer, bis sie die Stelle fand, an der sich eine Lösung bauen ließ, die auch wirklich tragen würde. Immer freundlich. Immer feiner, als man erwartet hätte. Nie nur geflickt.

Deshalb halten ihre Lektionen bis heute. Man kann zu etwas zurückkehren, das sie einem vor zehn Jahren gezeigt hat, und es steht immer noch.

Und dann sind da die Schichten. Wir scherzten — und manche von uns nur halb im Scherz —, Alex schleiche sich nachts in unsere Häuser, um heimlich die DVDs zu überarbeiten. Denn jedes Mal, wenn man eine wieder ansah, entdeckte man etwas, das vorher ganz sicher nicht da gewesen war. Dabei war es natürlich immer schon da gewesen. Man war nur noch nicht so weit, es zu sehen.

Das war ihre eigentliche Gabe als Lehrerin. Sie überforderte einen nie. Sie gab einem das eine, was man an diesem Tag brauchen konnte, und ließ den Rest ganz ruhig an seinem Platz — für den Tag, an dem man ihn brauchen würde.

Man sieht es an den Pferden. Auf einer der Art and Science of Animal Training Conferences zeigte Alex zwei Fotos von Asfaloth, um zu verdeutlichen, wie langsam gute Arbeit wächst. Auf dem ersten war er lang und auseinandergezogen — eine Wurst, wie sie es fröhlich nannte. Auf dem zweiten, Jahre später, war er rund wie eine Orange, trug sich selbst, arbeitete über den Rücken. Sie tat mir keinen Gefallen damit, ihn zu zeigen; sie nahm einfach das Pferd, an dem sich die Sache am klarsten zeigte — und viele von euch waren aus genau demselben Grund in ihren Präsentationen zu sehen. Er ist heute 27 und sieht wunderschön aus. Das ist die Art von Beweis, die Alex etwas bedeutete.

Alex' Vortrag auf der Art and Science of Animal Training Conference 2018

Wie geht es jetzt weiter?

Während der Pandemie, als wir das Science Camp bei Alex im Stall absagen mussten, riefen Alex und ich ein Dressage Camp online ins Leben, mit Anja als besonderem Gast. Es war wunderbar, und wir beide hatten vor, es noch dieses oder nächstes Jahr wieder aufleben zu lassen.

Dazu wird es nun nicht mehr kommen, und ich weiß noch nicht, wohin mit diesem Gedanken. Es ist so ein seltsames Ding, dass jemand, der so eng mit dem eigenen Leben verwoben ist, an einem Tag noch da ist und am nächsten einfach nicht mehr. Wenn ich lese, was die Menschen in diesen Tagen schreiben, dann weiß ich: Dieses Gefühl wiederholt sich gerade in hunderten Häusern zugleich. Wir stehen alle am selben Ort.

Alex' Material ist keine Sammlung von Tipps. Es ist ein zutiefst durchdachtes, sorgsam gebautes Werk, und es ist tragfähig. Wir müssen nicht wieder bei null anfangen, und wir sollten es auch gar nicht erst versuchen. Unsere Aufgabe ist es, es zuerst zu bewahren und dann darauf aufzubauen — genau das hat sie sich immer gewünscht. Sie hat ihr eigenes Werk nie als fertig betrachtet, und sie wäre die Erste, die sagen würde, dass es weiterwachsen soll.

Ich habe keine Angst, dass es verloren geht. Es steckt längst darin, wie wir unsere Pferde ausbilden und wie wir anderen zeigen, ihre auszubilden. Es funktioniert, und es wird bleiben.

Was wir verloren haben, ist etwas anderes. Alex war grenzenlos großzügig mit ihrer Zeit und gab jeder und jedem von uns genau das, was wir brauchten, um den nächsten Schritt zu gehen. Diese Quelle, an die man sich mit jeder Frage wenden konnte, ist nun nicht mehr da. Also müssen wir das vorerst füreinander sein — einander die Fragen beantworten, teilen, was wir wissen, das Werk gemeinsam hochhalten, bis es wieder auf eigenen Beinen stehen kann.

Ich habe keinen Plan, wie das gehen soll. Im Moment trauern wir, und das Trauern ist gerade die ganze Aufgabe. Aber irgendwann werden wir gemeinsam herausfinden müssen, wie es weitergeht.

Und ich habe keinen Zweifel, dass uns das gelingen wird. Wir sind eine starke, kreative, herzliche Gemeinschaft — sie hat uns dazu gemacht — und sie wird tragen.

Danke, Alex. Für die Schichten, die wir noch alle nach und nach entdecken. Für die langen Nächte. Dafür, dass du so vielen von uns beigebracht hast, zu fragen — und dann zuzuhören.

Everything is connected to everything else.

~ Alexandra Kurland