Die andere Hälfte

Übergänge zeigen dir die Wahrheit über die Balance deines Pferdes. Von einer Gangart in die nächste, zum Halt, in derselben Gangart oder von einem Seitengang in den nächsten. Genau dort werden Ungleichgewichte sichtbar. Ein gelungener Übergang ist ein Grund zum Feiern.

Das heißt aber nicht, dass dir der nächste genauso gelingt.

Ehrlich gesagt habe ich mich immer mehr auf die Übergänge in die höhere Gangart konzentriert. Durch den Click halten meine Pferde sofort an, um ihr Leckerli zu bekommen. Oder ich schicke sie auf eine Matte, wo sie dann selbst anhalten. Genau das möchte ich.

Aber ich habe die andere Hälfte vergessen.
Bei Blondie habe ich mir den Übergang in die niedrigere Gangart genauer angeschaut.

Normalerweise betrachtet man Übergänge nicht auf diese Weise. Trotzdem kam ich immer wieder auf eine Idee aus der Verhaltenswissenschaft zurück. Ich habe sie zum ersten Mal von Jesús Rosales-Ruiz gehört, bei einem wissenschaftlichen Symposium in Deutschland.Er nannte dieses Konzept den Bewegungszyklus:

Ein Bewegungszyklus ist eine wiederholbare Verhaltenseinheit. Er beschreibt eine Ausgangsposition und eine Reihe von Interaktionen zwischen Verhalten und Umwelt, die so lange ablaufen, bis der Organismus wieder am Ausgangspunkt angekommen ist und den Bewegungszyklus erneut beginnen kann.

~ Jesús Rosales-Ruiz

Schritt zu Trab. Blondie trabt. Ich clicke, sie hält für ihr Leckerli an. Jetzt kann ich wieder fragen. Auf dem Papier ist der Zyklus vollständig.

Sieh dir nun an, woraus dieses Anhalten besteht. Sie hört den Click mitten im Trab und stemmt die Beine in den Boden. Sie steht still, aber nach vorne gekippt, ihr ganzes Gewicht auf den Schultern. Sich selbst überlassen, landet sie genau dort. Und von dort, im Gleichgewicht auf der Vorhand, ist der nächste Aufwärtsübergang für sie nicht möglich. Der Zyklus schließt sich, und sie ist nicht in der Verfassung, ihn erneut zu beginnen.

Die ersten beiden Übergänge habe ich mit dem Click ausgelöst. Ich habe den Trab markiert, und Blondie hat sich selbst zum Halten gebracht. Beobachte, wie ihr Gewicht nach vorne und unten auf die Schultern wandert. Sie kann aus dem Trab in einem einzigen Tritt abstoppen, sie ist schließlich ein Quarter Horse. Aber du siehst, was es ihre Balance kostet.

Den dritten Übergang habe ich anders geritten. Statt den Halt dem Click zu überlassen, habe ich den Abwärtsübergang geritten und danach geclickt. Sie trägt sich selbst in den Halt, statt hineinzufallen.


In meiner letzten E-Mail war es mein inneres Bein. Es schob ihre Hinterhand zu weit nach außen und brachte sie in der Wendung zum Stolpern. Diesmal liegt es daran, wo ich den Click setze.

Ich setze den Click weiterhin auf einen Moment mitten in der Bewegung, den ich hervorheben möchte, obwohl ich weiß, dass danach ein harter Halt folgt. Das ist eine bewusste Entscheidung, und manchmal ist sie richtig.


So weit sind wir im Moment. Schritt zu Trab und zurück in den Schritt. Den Click setze ich auf den Abwärtsübergang.

Es kostet mich meine ganze Konzentration. Ich bereite den Schritt vor, bevor ich um den Trab bitte. Ich passe meinen Sitz an, damit ich ihr helfen kann. Dann bitte ich um den Abwärtsübergang, solange wir noch in einem guten Trab sind. Gut für uns, im Moment. Ihr Gewicht bleibt (mehr oder weniger) dort, wo es hingehört, und sie ist bereit, wieder loszulegen.


Es ist nicht leicht. Aber du findest einen ausbalancierten Übergang einmal, verlierst ihn wieder und findest ihn beim nächsten Mal schneller wieder. Weil du schon einmal dort warst. Die Arbeit liegt im Finden.

Michaela

Happy horses make happy people!