TIL #7 – Von Ballerina zu Couchpotato

In meiner letzten Email habe ich dir zwei Fotos von Blondie gezeigt, aufgenommen im Abstand von zwei Jahren. Auf dem ersten läuft sie bergab, mit dem ganzen Gewicht auf den Schultern. Auf dem zweiten trägt sie sich wunderschön selbst. Letzte Woche war ich auf Anja Beran’s 2026 workshop, und in einer der Reitdemonstrationen kamen mir die beiden Bilder wieder in den Sinn. Beide Fotos im selben Pferd, in derselben Minute.

Ein junger Schweizer Reiter, Max Jaquerod, ritt mit seinem Pferd Fantastico. Max hat das Reiten von seinem Grossvater Pierre-Eric Jaquerodgelernt, der viele Jahre die Schweizer Kavallerieschule in Bern geleitet hat. Fantastico kommt von der Schweizer Armee. Dort hat er gelernt, über Brücken zu gehen und bei Schüssen ruhig zu bleiben. Für die Dressur wurde er nicht ausgebildet. In der Demonstration haben die beiden viel im langsamen Schritt gearbeitet. Dann Trab und Galopp. Und Fantastico hat gestrahlt. Er hat sich mit einer solchen Eleganz getragen.

(Max schreibt über Fantasticos Ausbildung in einer Serie auf Eurodressage.In einem Teil beschreibt er, warum er überhaupt auf Turniere geht, eine Sichtweise, die ich interessant fand.)

Dann hat Max ihm eine Pause gegeben. Er hat die Zügel lang gelassen und ihn Schritt gehen lassen, und Fantastico wurde in wenigen Schritten von der Ballerina zur Couchpotato. Die Selbsthaltung, die er durch die ganze Arbeit gehalten hatte, hat er losgelassen, und das Gewicht ist zurück auf die Schultern gefallen. Es war einfach ein Pferd, das seine Pause macht. Aber für eine Minute konnte ich sehen, wie Fantastico sich ohne die Arbeit bewegen würde. Und als die Pause vorbei war, hat er sich wieder aufgenommen und sich wieder selbst getragen.

Während ich ihm zugeschaut habe, habe ich Blondie gesehen. Das Pferd in der Pause war Blondie auf meinem Foto von 2024. Das Pferd in der Arbeit war Blondie auf meinem Foto von diesem Juli. Max und Fantastico sind viel weiter als wir, aber die Haltungen waren dieselben Haltungen. Ich konnte den Blick nicht von ihm lassen.


Später an diesem Abend hatte Anja noch ein Juwel für uns. Sie hatte Nuno Oliveiras Tochter Purezaeingeladen, die uns von ihrem Vater erzählt hat. Von ihrer frühen Kindheit, und von seiner. Wie er unter der Anleitung seines Mestre mit den Pferden angefangen hat. Nach dem Tod seines Mestre hat er beschlossen, alleine weiterzumachen, und weil er keine Reitbahn hatte, hat er die Pferde in den Straßen von Lissabon gearbeitet. Später, als seine Arbeit ihm einen Namen gemacht hatte, hatte er eine eigene Reitschule. Dorthin ist sie nach der Schule gekommen und hat gewartet, bis er fertig war, und ist mit ihm nach Hause gegangen. Und wie er sie einmal auf ein perfekt ausgebildetes Pferd gesetzt hat, während er es Besuchern vorstellte, und ihr gesagt hat, sie solle nichts tun.

Dann sind zwei Opernsänger in die Reitbahn gekommen, und Anja ist Osama geritten. Sie hatte die Musik als Hommage an ihn ausgewählt. Verdi, sein Lieblingskomponist. Meine Augen waren feucht, und als ich mich umgeschaut habe, war ich nicht die Einzige.


Wenn ich wieder zu Blondie gehe, werden wir machen, was wir immer machen, viel langsamen Schritt, unspektakulär anzuschauen. Max und Fantastico haben auch viel langsamen Schritt gezeigt, zwischen der Galopparbeit und den ersten Tritten Passage. Das ist mir aufgefallen. Nach dieser Woche kann ich es kaum erwarten, wieder bei meinen Pferden zu sein.