TIL #8 – Ein paar Gramm weniger

In meiner letzten E-Mail habe ich dich zu Anja Berans Workshop mitgenommen. Ein paar Tage später war ich auf einer pferdewissenschaftlichen Konferenz, während zur gleichen Zeit die FEI-Weltmeisterschaften in Aachen liefen. Der Sport hat immer wieder seinen Weg in unsere Gespräche gefunden. Beim Mittagessen waren wir uns schnell einig, dass es im Sport Probleme mit dem Pferdewohl gibt. Uneinig waren wir uns bei der Frage nach den guten Beispielen. Ein Kollege hat einen Reiter genannt, der für ihn leicht reitet. Das hat mich überrascht. Ich hatte angenommen, ohne es je zu überprüfen, dass keiner von uns in dieser Arena viel Lobenswertes finden würde. Ich kannte den Namen und hatte meine Zweifel. Aber der Sport ist seine Welt, auf eine Art, wie er nie meine war. Also habe ich mir ein paar Tage später den Livestream angeschaut. Ich wollte verstehen, was er sieht.

Ich habe so geschaut, wie ich schauen gelernt habe. Nicht auf die Piaffe, sondern auf die Momente drumherum. Was ich gefunden habe, war eine schwere Anlehnung, die sich nie verändert hat, vom ersten Halten bis zum letzten Tritt. Das Pferd hat mit Spannung geantwortet. Offenes Maul, kurzer Hals, sogar in den Verstärkungen. Ich verstehe das Festhalten. Ein leichteres Zügelmaß riskiert, dass die Richter den Rahmen als zu offen bewerten. Und es gibt dem Pferd Raum für eigene Entscheidungen, was Genauigkeit kostet, und Genauigkeit ist, was gewinnt. Aber ein Grand-Prix-Pferd sollte sich selbst im Gleichgewicht tragen können, den Hilfen des Reiters mühelos folgen. Das ist das Niveau, auf dem der Zügel am wenigsten gebraucht werden sollte. Doch die Hände haben nie nachgegeben.

Ein paar Tage davor hatte ich Anja reiten sehen. Es gibt Momente in ihrer Arbeit, in denen sie zu verschwinden scheint. Das Pferd hat sein Gleichgewicht gefunden, und sie lässt es das Gleichgewicht tragen, und für ein paar Tritte vergisst du, dass überhaupt jemand reitet. Dann verliert das Pferd das Gleichgewicht für einen Moment, und sie ist wieder da, ganz leise, und dann wieder weg. Und so arbeitet sie durch alles hindurch, mit derselben Sorgfalt dafür, wie das Pferd steht, wie für die Passage. Alex hat mir beigebracht, noch früher anzufangen. Bei der Art, wie ich Blondie ein Leckerli gebe, wir beide im Gleichgewicht.

Aus der Junge Pferde anreiten Email Serie

Das ist es, was Blondie und ich in unseren Trab-Schritt-Übergängen suchen. Wir sind noch nicht am Ziel. Aber in den guten Übergängen kann ich fühlen, wie der Schritt getragen ankommt, und der Zügel wird leicht in meiner Hand, weil nichts mehr drin ist, das ich halten könnte. Das ist das Bild, das ich zum Livestream mitgebracht habe, und deshalb haben wir zwei verschiedene Ritte gesehen.

Und er hatte nicht unrecht, von dort, wo er stand. Verglichen mit den anderen Ritten in diesem Turnier war dieses Paar wirklich ein wenig weicher. Ein paar Gramm weniger am Zügel fallen auf, wenn alles drumherum schwer ist. Wenn Turnierdressur das ist, was du siehst, dann gilt das als leicht. Ich hatte in diesem Turnier schon eine andere Reiterin gesehen, die den Zügel öfter kurz hingegeben hat. Aber da waren sichtbare Fehler und die kosten Platzierungen. Und niemand studiert die Reiterei von jemandem, der nicht gewinnt. Mein Kollege und ich hatten Dressur angesehen, mit verschiedenen Bildern im Kopf. Seines war die Turnierarena. Meines war Anjas Reithalle.

Ich bin ohne Antwort auf die größere Frage nach Hause geflogen, die Frage, die unter der ganzen Konferenz lag. Was verbessert das Leben der Pferde wirklich. Alle in diesem Raum wollten das. Das hat mich am Ende am meisten beeindruckt. Ich war umgeben von Menschen, die ihr Berufsleben den Pferden gewidmet haben, und wir waren uns nicht einig, wo die Grenze liegt. Die Grenze dessen, was jede:r von uns akzeptiert.

Ich will reiten. Manche wollen das nicht. Ich reite mit Gebiss, sogar mit Kandare. Andere würden das nicht. Und ich verstehe sie. Wenn alles, was du je gesehen hättest, Turnierreiten wäre, oder Reiten ohne Können und ohne Wissen, dann müsstest du wohl zu dem Schluss kommen, dass wir ganz aufhören sollten zu reiten. Vielleicht wäre ich selbst zu diesem Schluss gekommen. Was mich davor bewahrt hat, war das, was ich sehen durfte. Anjas Pferde, und die Pferde, die aus Alex' Arbeit kommen. Pferde, die etwas davon zu haben scheinen, geritten zu werden. Wenn ich reite, ist das Minimum, dass ich keinen Schaden anrichte. Im Idealfall haben wir beide Freude daran. An manchen Tagen glaube ich, dass Blondie und ich da ankommen. Aber ich kann dir nicht sagen, wo genau die Grenze verläuft, nicht einmal meine eigene. Jede:r von uns zieht sie irgendwo und muss damit leben, wo sie gezogen wurde.

Wenn ich nur mit den Menschen arbeiten würde, die die Grenze genau dort ziehen, wo ich sie ziehe, wäre ich ziemlich allein. Was mir Sorgen macht, ist das Alles-oder-nichts. Es fühlt sich konsequent an, und ich verstehe den Sog. Aber die Pferde in dieser Arena tragen ihre Zäume heute. Ein Kampf, der den Sport irgendwann beendet, hilft keinem von ihnen jetzt. Ein paar Gramm weniger am Zügel sind nicht genug, aber sie sind immer noch besser als nichts. Und etwas können wir alle tun. Wie Anja zu reiten dauert vielleicht länger als ein Leben. Aber ein ausbalancierter Trab-Schritt-Übergang am stillen Zügel, der ist für die meisten von uns erreichbar. Am nächsten Morgen war ich mit Blondie in der Halle und habe an unseren gearbeitet. Und versucht, den Zügel ein bisschen früher still werden zu lassen.

Michaela

Happy horses make happy people!


PS: Sehen zu lernen ist eine eigene Fähigkeit, und Anja macht sich Sorgen, dass sie verloren geht. Sie hat ein Buch darüber geschrieben, Blickschulung. Es zeigt, was in der Dressurarena belohnt wird, direkt neben dem, wie gesunde Bewegung tatsächlich aussieht. Mit Animationen, die auf echten Turnieraufnahmen basieren. Es hat meinen Blick geschult. Hier gibt es ein Video auf Deutsch dazu: Link

Anja Beran: Blickschulung ISBN 978-3-95847-025-5

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